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Tails of Iron

Publisher: United Label
Entwicklerstudio: Odd Bug Studio
Genre: Adventure • RPG
Sub-Genre: Action-Adventure
Art: Midprice
Erscheinungsdatum: 17.09.2021
USK 16

Tails of Iron   21.09.2021 von Beef Supreme

Tails of Iron, eine schwanzhaltige Geschichte voller Wortspiele, Ratten und Frösche. Das kleine Odd Bug Studio aus Großbritannien umfasst gerade mal 5 Mitarbeiter, die hier mit ihrem Zweitwerk nach dem PSVR-Exklusivtitel The Lost Bear ihrem tierischen Thema treu bleiben. Ob das handgezeichnete 2D-Action-RPG über Nagetiere und Sumpfbewohner was taugt, erfahrt ihr jetzt.

 

Zu den Waffen!

 

Das Königreich der Ratten befindet sich traditionell mit den Froschstämmen im Krieg. Immer wieder überfallen die grünen Schleimhäute die Ländereien der Pestträger, brandschatzen und morden wie es ihnen passt. Eines Tages erhob sich aber König Rattus, der Erste seines Namens und führte eine Armee in einen glorreichen Sieg gegen die marodierenden Froschtruppen. Lange herrschte Frieden, die Gesellschaft erblühte und das Volk der Ratten wurden faul, dekadent und unvorsichtig. Der Spieler übernimmt die Rolle Redgis, einer der Söhne von König Rattus, der ihm auf den Thron nachfolgen soll. Doch ausgerechnet am Tag der Krönung überfallen die wieder erstarkten Froschmächte das Königreich, hinterlassen nur Verwüstung und Tod und ermorden zu alledem auch noch den alten König Rattus. Als ob das noch nicht genug wäre, wurden auch noch Redgis Brüder, der Schmied und der Koch, entführt. Und so ist Redgis erste Amtshandlung der Griff zum Schwert, Vergeltung zu üben, Rache zu nehmen und das Leid unter die Stämme der Frösche zu bringen. Ganz nebenbei wird dann noch das Königreich neu aufgebaut und seine Brüder befreit.

 

Der Klang der Ratten

 

Die Story von Tails of Iron gibt leider nicht besonders viel her. Hier wird eine geradlinige Heldengeschichte ohne viel Tiefe oder Wendungen erzählt, die die klassischen Motive Rache und Freiheitskampf in erzählerisch kontraststarkem Schwarz-Weiß-Denken erzählt. Das macht aber nichts, denn der 2D-Sidescroller hat andere Qualitäten. Zunächst fällt dem geneigten Gamer auf, dass keiner der tierischen Charaktere spricht, sondern nur irgendwelche Instrumentenlaute von sich gibt. Anfangs nervig gewöhnt man sich daran und irgendwann entwickelt diese Designentscheidung seinen ganz eigenen Charme und man merkt, dass das ziemlich gut passt. Zumal das „Gesprochene“ von einem ausgezeichneten Erzähler wiedergegeben wird, der vom geneigten Gamer sofort als die englische Stimme von Geralt von Rivia aus Witcher 3 erkannt wird. Auch abseits des gelungenen Erzählers hinterlässt Tails of Iron akustisch einen hervorragenden Eindruck. Der stimmige Soundtrack untermalt die unterschiedlichen Gebiete atmosphärisch stimmig, ohne aufdringlich zu wirken. Die übrige Soundkulisse, Schwerter und Äxte die saftig in Fleisch eindringen, ein satter Schluck aus der Käfersaftbuddel oder das erschütternde Aufschlagen übergewichtiger Froschgegner klingen allesamt druckvoll.

 

Paint me a Picture

 

Und wenn schon untypisch mit der Technik begonnen wird, kann jetzt auch die Lobeshymne auf die Optik angestimmt werden, bevor es zum Gameplay geht. Denn auch grafisch macht Tails of Iron vieles richtig. Der handgezeichnete Comicstil passt perfekt zum mittelalterlichen Setting. Die detailverliebten und liebevoll gestalteten Gebiete haben alle ihre stilistischen Alleinstellungsmerkmale, sei es der modrige Sumpf, das zerstörte, einst ehrwürdige Schloss oder dunkle, knochenübersäte Katakomben, überall finden sich im Hinter- sowie im Vordergrund Details zu entdecken, die zur entsprechenden Umgebung passen. Auch die einzelnen Charaktere und ganz besonders Redgis umfangreiches Waffen- und Rüstungsarsenal sind mit viel Liebe zum Detail gepinselt worden und machen optisch echt was her. Das Spiel verzichtet vollständig auf volumetrische Objekte oder wilde Licht- und Partikeleffekte, was dem Spiel einen erfrischend simplen Stil beschert, der teilweise an The Darkest Dungeon erinnert.

 

Des Königs neue Kleider

 

Nun aber zum spielerischen Inhalt. Tails of Iron bewirbt sich als Rollenspiel mit Souls-like-Einflüssen. Mit letzterem ist der Kampf gemeint, der von den Entwicklern als „brutal und nichts verzeihend“ beschrieben wird. Beide Aspekte sind zu gewissen Teilen korrekt, jedoch mit Einschränkungen. Der Rollenspiel-Anteil beschränkt sich auf eine erweiterbare Lebensleiste, die durch gefundene Nahrung verbessert werden kann. Daneben gibt’s noch die Angriffs- und Verteidigungswerte, die ausschließlich durch die Ausrüstung bestimmt wird. Ein klassisches Attributs- oder Levelsystem bietet das Spiel nicht, sodass hier eigentlich nur auf den grünen Teil der entsprechenden Balken geachtet werden muss. Neues Schwert, grün bei Angriff? Ok, ausrüsten. Nö? Ab in die Truhe auf Nimmerwiedersehen. Das ist ein bisschen schade, da alle Ausrüstungsteile wirklich schön gezeichnet sind und optisch echt was hermachen. Das meiste wird aber nie ausgerüstet werden, da es einfach keine Notwendigkeit für so viel Kram gibt. Wenn nicht gerade jemand Fashion-Tails spielen möchte, gibt’s für den größten Teil der Ausrüstung aufgrund des sehr oberflächlichen Systems keine spielerische Daseinsberechtigung.

 

Waffen, jede Menge Waffen

 

Gleiches gilt leider auch für die meisten Waffen. Es stehen 3 verschiedene Arten in 2 Gewichtsklassen zur Verfügung: Schwert, Axt und Speer, jeweils leicht und schwer. Und von jeder Art bietet das Spiel massig Auswahl, von der das meiste nie das Innere eines Froschschädels sehen wird. Jede Waffe einer Klasse spielt sich gleich. Wenn man’s genau nimmt gibt es nicht mal so richtige Unterschiede zwischen Axt und Schwert, beide greifen in einem Halbkreis an; nur der Speer ist ausschließlich horizontal gerichtet, dafür mit mehr Reichweite. Das Kampfsystem hat, wie die 2D-Spielwelt, wenig Tiefe. Feinde erscheinen, meist mehrere von beiden Bildrändern und dann gilt es, alles kaputtzuklopfen, was keine Pest überträgt. Je nach visuellem Hinweis muss ein gegnerischer Angriff entweder geblockt, pariert und ausgewichen werden. Was hier an die Souls-spiele erinnert, ist die Tatsache, dass man die Muster kennen muss, um die entsprechenden Reichweiten und Zeitfenster einschätzen zu können. Je nach Gegnerkonstellation kann es aber auch passieren, dass trotz recht simpel gehaltenem System einem die Schnurrhaare so richtig glattgezogen werden. Als Negativbeispiel sei hier der finale Boss genannt. Aus Spoilergründen wird hier nicht näher drauf eingegangen, aber seine Angriffsmuster und Zeitfenster grenzen an Unfairness. Abgesehen von diesem Ausreißer spielen sich die Kämpfe, je nach Gegnerkonstellation mal mehr, mal weniger fordernd. Und da Metzeln der Hauptinhalt des Spiels ist, muss das auch passen. Leider geht gerade im Mittelteil dem Spiel die Puste aus. Durch das eingeschränkte Move-Set und die sich immer wiederholenden Gegnertypen mangelt es recht schnell an Abwechslung, sodass man zeitig damit anfängt, Kämpfe wenn möglich zu ignorieren.

 

Sleep, Drink, Kill, Repeat

 

Zumal man auch nicht wirklich belohnt wird. Zwar lassen besiegte Feinde Sachen fallen, doch der Verwendungszweck dafür ist eingeschränkt. Außer Heilungssaft, den man durchs Zerhacken besiegter Käfer bekommt, liegt selten Essentielles unter den Leichen. Generell sind Verbrauchsgegenstände, Heilung und Munition, sehr großzügig für lau in der ganzen Welt verteilt, sodass man sich zwei der drei Währungen, Körperteile und Eisen hätte sparen können. Die dritte, Gold, ist notwendig für den Fortschritt und zwingt einen dazu, Nebenquests anzunehmen, da Gold nicht auf andere Art verdient werden kann. Und auch die Nebenquests bestehen ausschließlich aus „gehe dorthin und bring alles um“. Grundsätzlich nicht schlecht, aber auf Dauer eintönig. Die Bosskämpfe lockern des Königs mordenden Alltag ein bisschen auf, da die durchaus anspruchsvoll gestaltet sind und Konzentration erfordern. Etwas mehr Abwechslung in Form von Rätseln oder Erkundung hätte dem Spiel allerdings gutgetan.

 

Bildergalerie von Tails of Iron (6 Bilder)



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Das Fazit von: Beef Supreme

Beef Supreme

Bricht man Tails of Iron auf die Mechanik herunter, ist das hier kein besonders beachtungswürdiger Titel. Ein ganzer Laster voll Ausrüstung, die man nicht braucht, Kampf reiht sich an Kampf, ohne dass ein Ende in Sicht wäre und alles fühlt sich irgendwie gleich an. Wenn ich hier aufhören würde, zu schreiben gäbe es nicht mehr als 4 Punkte. Doch trotz spielerischer Schwächen und mangelnder Abwechslung hatte ich Spaß mit Tails of Iron. Das liegt an einem Wort: Charme. Die Präsentation hat mich einfach gepackt, der wunderschöne Artstyle, die liebevollen Zeichnungen und Animationen sowie die stimmige Musik haben mich einfach abgeholt. Und die Vorstellung, dass der Hexer höchstselbst über die heroischen Taten des kleinen Redgi berichtet, hat mir einfach gefallen und ein wohliges Gefühl ausgelöst. In diesem Spiel steckt das Herzblut eines kleinen Teams, das Spaß an seiner Arbeit hat. Ja, vieles an diesem Fazit ist rein subjektiv und nein, das hier ist kein kleiner Geheimtipp. Doch wer mit Indies was anfangen kann, einen guten Sprecher und massig Nagerwortspiele zu schätzen weiß und über inhaltliche Mängel hinwegsehen kann, wird ein paar nette Stunden mit Tails of Iron verbringen können.


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  • Abwechslungsreiche Schauplätze
  • Repetitive Kämpfe
  • Spielerisch wenig Abwechslung
  • Rollenspielaspekte nur oberflächlich
  • Großteil der Ausrüstung und Waffen nur Optik
  • Sehr ähnliche Waffenklassen
  • Story ohne Überraschungen
  • Eintönige, verpflichtende Nebenquests





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